Die Anfänge einer systematischen, psychoanalytisch fundierten Ausbildung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Berlin
reichen in die Zeit der ersten Nachkriegsjahre. 1948 entwickelte das Institut für Psychotherapie e.V. Berlin im Auftrag der Stadträtin Erna
Maraun einen Lehrgang für Psychagogen. In diesem sollten pädagogisch geschulte Fachkräfte psychoanalytische Kompetenz erwerben, um die
“Erziehungsbetreuung” von sozial gefährdeten Kindern und Jugendlichen zu übernehmen. Es sollte sich um leichtere Fälle von neurotischen
Störungen handeln, während die eigentliche Psychotherapie neurotisch kranker Kinder den behandelnden Psychologen bzw. Psychoanalytikern
vorbehalten blieb. Diese psychagogische Behandlung fand in privaten Praxen, Erziehungsberatungsstellen und Heimen statt.
Für die Ausbildung gab es eine staatliche Ausbildungs- und Prüfungsordnung und bis in die 80er Jahre staatliche Zuschüsse. Der psychoanalytischen
Tradition entsprechend fußte die Ausbildung auf drei Säulen: Lehranalyse, theoretische Vermittlung und Praxisanleitung (Kontrollanalyse).
Bereits 1953 gründete sich eine Vereinigung Berliner Psychagogen, die bald mit Kollegen an anderen Ausbildungsinstituten (Stuttgart,
Heidelberg, Hannover) kooperierten, um ihre berufsständigen Interessen zu bündeln und zu artikulieren. Zunächst ging es um die Entwicklung
einheitlicher Ausbildungsstandards, bald aber um die Weiterentwicklung des Berufsbildes. Es zeichnete sich in den 60er Jahren immer deutlicher
ab, dass sich die psychagogische Behandlung immer mehr zu einer therapeutischen Arbeit mit teils psychisch schwer kranken Kindern
entwickelte. Zudem wuchs das Interesse, sich dem internationalen Standard psychoanalytischer Kindertherapie anzunähern. Diese Weiterentwicklung
des Berufsbildes schlug sich in der neuen Berufsbezeichnung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeut in den 70er
Jahren nieder.
Noch in den 80er Jahren wurde die Ausbildung der Kindertherapeuten im wesentlichen von den Psychoanalytikern des Instituts für
Psychotherapie getragen und erst allmählich übernahmen Kindertherapeuten Funktionen als Dozenten und Supervisoren, auch wenn sie im
Institut keine Vollmitglieder werden konnten. Interessenkollisionen zwischen Kindertherapeuten und Psychoanalytikern des Instituts führten in
der Mitte der 80er Jahre zu Schritten der Verselbständigung der Kindertherapeuten außerhalb des Instituts. 1984 gründeten über 40 Berliner
Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten den “Verein zur Weiterentwicklung der Analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie”.
Ziel war die Fortbildung seiner Mitglieder und die Errichtung eines eigenständigen Ausbildungsinstituts.Während letzteres sich
nicht realisieren ließ, zumal im Institut für Psychotherapie die Ausbildung zunehmend von Kindertherapeuten verantwortlich übernommen
wurde, entwickelte sich das Fortbildungsangebot. International renommierte Kinderanalytiker konnten für regelmäßige Vorträge, Supervisionen
und workshops gewonnen werden. Exkursionen ins Ausland und große Tagungen wurden von den Mitgliedern des Vereins organisiert.
Mit der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes 1999 und der darin vorgeschriebenen Regelung der staatlichen Anerkennung
aller Ausbildungsstätten für Psychotherapie ergab sich auch für die Kinderpsychotherapeuten des Instituts für Psychotherapie die
Notwendigkeit, eine eigene Organisationsstruktur zu finden. Nach langen Beratungen und Satzungsdiskussionen konnte im Jahr 2004 das “Psychoanalytische
Institut für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Berline.V.” als Nachfolger des WAKJP e.V. gegründet werden. Ihm gehörten
zu diesem Zeitpunkt 105 Mitglieder an. Das Institut delegiert seine Aufgaben der Ausbildung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
nach den gesetzlichen Vorgaben an das Institut für Psychotherapie e.V. Berlin, das u.a. dafür die staatliche Anerkennung erhalten hat. Die Leitung
des Aus- und Weiterbildungsausschusses sowie die Funktionen als Dozent und Supervisor werden mittlerweile von qualifizierten und anerkannten
Analytischen Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeuten ausgeübt.
Innerhalb des Instituts für Psychotherapie bietet unser Institut den engen fachlichen Austausch mit KollegInnen der analytischen Psychologie
(C.G.Jung-Institut) sowie der Psychoanalyse (Psychoanalytisches Institut Berlin - DPG Institut). Beide bilden Psychoanalytiker für
Erwachsenenpsychotherapie aus. Das rege Institutsleben mit seinen über 400 Mitgliedern bietet generell die Möglichkeit, Kontakte mit analytischen
KollegInnen zu knüpfen (Intervisionsgruppen, Qualitätssicherung, Fragen der Praxisorganisation, Feierlichkeiten etc.).
Im April 2006 gab sich in einem feierlichen Festakt das Institut den Namen Edith Jacobson Institut
Benennung des Instituts nach Edith Jacobson
Das Psychoanalytische Institut für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Berlin e.V. hat sich aus dem Verein WKJP in einem Prozess
der Identitätsfindung,Autonomiestrebung und berufspolitischen Profilierung entwickelt. Mit der Entscheidung für eine Namensgebung des Instituts
im Jahre 2005 war die Absicht verbunden, mit dem Namen einer geschätzten und bedeutenden Persönlichkeit der Psychoanalyse eine
identitätsstiftende Wirkung nach innen und nach außen zu entfalten.
Warum fiel die Wahl auf Edith Jacobson?
Edith Jakobssohn, so ihr Geburtsname, wurde 1897 in Niederschlesien in eine jüdische Arztfamilie geboren. Nach ihrem Medizinstudium
gehörte sie zur ersten Generation berufstätiger Akademikerinnen nach dem ersten Weltkrieg. Nach ihrer Facharztausbildung in Pädiatrie
und Psychiatrie beschloss sie 1925 sich am berühmten Berliner Psychoanalytischen Institut, dem weltweit ersten psychoanalytischen Ausbildungsinstitut,
das eine strukturierte und curriculare Ausbildung anbot, ausbilden zu lassen.
Ende der 20er Jahre zeichnete sich eine Politisierung der Psychoanalyse insbesondere in Berlin ab. Edith Jacobson schloss sich schon
während ihrer Ausbildung einem kleinen Kreis marxistisch orientierter Berliner Psychoanalytiker an (Wilhelm und Anni Reich, Otto Fenichel,
Georg Gero, Erich Fromm), der sich als Opposition zur offiziellen Psychoanalyse verstand. Diese linken Psychoanalytiker hoben in ihren wissenschaftlichen
Arbeiten immer wieder die Bedeutung der äußeren Realität für die psychische Entwicklung und der gesellschaftlichen Dimension
für die Psychopathogenese hervor. Jacobson zählte also zu den Vertretern einer kulturkritischen Psychoanalyse in Deutschland und
beschrieb schon in ihren frühen Arbeiten die Wichtigkeit des äußeren Faktors der Realität, die sie für die Entwicklung für ebenso wichtig hielt
wie die Bedeutung der inneren Welt der Repräsentanzen, Phantasien und Affekte. Ein Schwerpunkt ihrer praktischen Tätigkeit in den Berliner
Jahren blieb lange die Kinderanalyse.Ausnahmslos alle Veröffentlichungen Jacobsons in dieser Zeit, die ausführliches klinisches Material enthalten,
beziehen sich auf die Behandlung von Kindern. Schon in ihrem ersten “Beitrag zur asozialen Charakterbildung”, ihrem Aufnahmevortrag in
der DPG, offenbarte sich 1929 ihr besonders Interesse an der Theoriebildung, das ihr gesamtes Werk zeitlebens auszeichnet. In ihrer kinderanalytischen
Arbeit nahm Jacobson eine Position zwischen den beiden großen Gründerinnen kinderanalytischer Schulen,Anna Freud und Melanie
Klein, ein, neigte aber wohl beeinflusst von ihren Lehrern Radó,Alexander und Fenichel und durch gelegentliche klinische Seminare bei Anna
Freud in Tegel mehr der Wiener Psychoanalyse zu.
Edith Jacobsons gesellschaftspolitisches Engagement war nie parteibezogen. So arbeitete sie neben ihrer Privatpraxis auch in der Sexualberatungsstelle
Wilhelm Reichs in Berlin Charlottenburg und behandelte Patienten aus dem proletarischen Milieu.
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Interessen in den Berliner Jahren waren Frauenthemen. Ihr eigen war ein feministischer Blick auf die Theorie
der Weiblichkeit, der sie dazu führte, Freuds “Biologismus” hinsichtlich seiner Psychologie der Frau abzulehnen und eine eigene Theorie der
weiblichen Sexualität und der psychischen Entwicklung des Mädchens zu konzipieren.
Hitlers Machtergreifung beendete die Arbeit der linken Psychoanalytiker in Berlin schlagartig und führte dazu, dass alle – bis auf Edith
Jacobson – innerhalb kürzester Zeit Deutschland verließen.Ab Herbst 1933 führte sie ein Doppelleben: einerseits setzte sie als Jüdin ihre Vortrags-
und Lehrtätigkeit im Berliner Psychoanalytischen Institut fort und kooperierte eng mit dem Vorstand, andererseits schrieb sie Dossiers
an ihre Psychoanalytikerfreunde im Exil und unterstützte die leninistische Widerstandsgruppe NEU BEGINNEN. Im Rahmen einer Verhaftungswelle
im Sommer 1935 wurde die Gestapo auch auf Edith Jacobson aufmerksam und riss sie mitten aus ihrer analytischen Arbeit durch
ihre Verhaftung im Oktober 1935. Gefängnisaufenthalte in Moabit und im Zuchthaus Jauer ließen sie schwer erkranken. Nach einer Klinikbehandlung
gelang ihr die Flucht und sie konnte schließlich über Prag und Paris im Oktober 1938 sicheren Boden in den USA erreichen.
Ihre zweite Lebenshälfte verbrachte Edith Jacobson, wie sie sich nun in Amerika nannte, als Klinikerin, Lehrerin und Theoretikerin der
Psychoanalyse in New York,wo sie 1941 Mitglied des Psychoanalytic Institute and Society und 1942 Lehranalytikerin wurde. Hier entfaltete sie
nun in den folgenden Jahrzehnten ihre außerordentliche Fähigkeit als Dozentin und Lehranalytikerin. Mit ihrer Liebe zur Psychoanalyse und
ihrem ansteckenden Enthusiasmus gepaart mit warmherziger Menschlichkeit, frei von jedem Dogmatismus prägte sie mehrere Generationen
von amerikanischen Psychoanalytikern.
Als Namensgeberin für das Institut könnte ihre Haltung besonders für alle an der Ausbildung Beteiligten, Lehrende wie Lernende,
zukunftsweisend sein. Jacobsons Begeisterung für die Psychoanalyse, ihre Neugierde und ihr Wissensdurst schon als junge Kandidatin in Berlin
hat sie sich zeitlebens bewahrt und als Lehrerin an ihre Kandidaten weiter zu geben verstanden. Ziel all ihrer didaktischen Bemühungen war es
ihre Kandidaten darin zu fordern und zu fördern, ein selbständiges psychoanalytisches Denken zu entwickeln. Mit dem Zusammentreffen
authentischer Menschlichkeit und hoher fachlicher Kompetenz als Theoretikerin und Praktikerin in der Persönlichkeit Edith Jacobsons bietet
sich für Kinderanalytiker und
Psychoanalytiker ein hoher
Anreiz für
Identifikationen,
über die sich berufliche Identität formen kann.
Mit der Namensgebung ist auch die Absicht verbunden, das Werk Edith Jacobsons zu pflegen und lebendig zu halten. Ihre beiden herausragenden
wissenschaftlichen Arbeiten waren 1964 “Das Selbst und die Welt der Objekte” (Dt.1973) und 1971 “Depression. Eine vergleichende
Untersuchung normaler, neurotischer und psychotisch-depressiver Zustände” (Dt.1977). Jacobson war dem strukturellen Denken in
besonderer Weise verpflichtet, immer wieder bemüht, ihre klinischen Erfahrungen zu reflektieren und ihre eigenen theoretischen Überlegungen
mit den bereits vorhandenen psychoanalytischen Theorien zu vergleichen. Ihre entwicklungspsychologischen Überlegungen, die im engen
Austausch mit Margaret Mahler entstanden, sind ein wesentlicher Beitrag zum Fortschritt der Psychoanalyse und später von Otto Kernberg
als Grundlage seiner eigenen Theorieentwicklung genutzt worden. Die Selbstverpflichtung zu vertiefender Beschäftigung mit ihrer Affekt- und
Objektbeziehungstheorie als Baustein der modernen psychoanalytischen Entwicklungstheorie und mit ihrer Theorie der Depression soll
Arbeitsprogramm sein. Nicht zuletzt soll die Namensgebung Edith Jacobson selbst ehren, allerdings nicht i.S. einer unkritischen Bewunderung
oder übertriebenen Idealisierung ihrer Person, auf die sie nie Wert legte. Die Ehrung soll vielmehr die Erinnerung an sie am Geburtsort ihres
psychoanalytischen Lebens wach halten. So wie Edith Jacobson zeitlebens Spontaneität und ein lebhafter, offener Austausch viel bedeuteten, so
sollen diese ihr eigenen Lebensmaximen auch Leitbild in der Arbeit und Entwicklung des Instituts sein.